HDRs Kriminalbibliothek

Inzwischen ist meine Bibliothek mit alten Kriminalnovellen und Kriminalromanen auf vier Bände angewachsen. Der vierte Band – ein Kriminalroman von Hermine Frankenstein – erschien bereits Ende Februar. Band 5 ist derzeit in Arbeit und wird im Mai, spätestens Juni erscheinen.

Die Weiberrevolution von Delft

Die Lebensmittelteuerung im Jahr 1912 war ein Gesamteuropäisches Problem, doch in Flandern kam es wohl zu Krawallen unter den Frauen, so dass sich die Redaktion eines zu jener Zeit beliebten kulturellen Magazins angeregt sah, darauf hinzuweisen, dass gerade in Flandern solche Art Aufruhr Tradition hat. Im Folgenden gebe ich den Bericht über diese „Revolution der Frauen“ ungekürzt wieder:

Die flandrischen Behörden, die durch die über die Lebensmittelteuerung empörten Hausfrauen in letzter Zeit so stark beunruhigt wurden, mögen sich mit den Delfter Ratsherren und Bürgermeistern, die in der alten berühmten Töpferstadt Anno 1616 regierten, und mit des weisen Rabbi Worten trösten: Alles schon dagewesen! Denn als dort der Rat, um zu dem für den Hafenkai nötigen Geld zu kommen, einen neuen Getreidezoll auflegten, ohne, wie die Delfter Frauen sehr vernünftigerweise es wünschten, den Zoll auf Wein zu erhöhen, »als welchen die Reichen, so die Heller am besten heraußgeben können, am meisten trincken«, sind am 1. August 1616 die Weiber mit ihren Kindern zusammengelaufen und haben mit einer großen blauen Fahne, »so von einem Schurtz-Tuch gemacht war«, vor dem Rathaus gewaltig gelärmt. Der Rat verkroch sich, und als der städtische Zollmeister sich zeigte, wurde er »übel geschlagen«. Dann stürmten die Frauen das Rathaus, zertrümmerten Türen und Fenster, Kisten und Kasten, warfen Akten und Geld zum Fenster hinaus und verübten vielen sonstigen Unfug. »Und obwohl der Rat«, heißt es in der Chronik, der wir auch unser Bild entnehmen, »sie gütlich ermahnet, sich zufriedne zu geben, und von solchem Tumult abzustehen, mit Versprechen, daß wegen ihres Begehrens gute Resolution erfolgen sollte, kehreten sie sich doch wenig daran, sondern stelleten sich noch viel wilder, nicht anders, als ob sie unvernünftige Bestias, oder gar vom Teuffel besessen wären. Darauf ließ der Rath die Bürger ermahnen, daß sie ihre Gewehre nehmen, und ihre Weiber mit Gewalt und Hauß treiben sollten. Aber es wollte auch nicht verfangen. Denn etliche hatten heimlich ein sonderlich Wolgefallen über dem Wesen der Weiber, und auch solches selbst helfen anstifften, andere aber, so sich in die Waffen begeben und hierin dem Rath zu Willen werden wollen, konnten nicht zusammen kommen, sondern wurden einzelig von dem unsinnigen Gesindlein überfallen, ihnen die Gewehr abgenommen, und wider nach Haußn gejagt, auch etliche mit guten Stössen abgefertiget.«
Nach diesem Sieg über die »bewaffnete Macht« warfen die Amazonen dem Bürgermeister und sämtlichen Ratsherren die Fenster ein, worauf sie sich für die Nacht auf dem Marktplatz in einer Wagenburg verschanzten. »Der Rath aber hat der Unsinnigkeit der Weiber nachgegeben, und Alles, was sie begehret, bewilliget.«

Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens
Jahrgang 1912, Vierter Band, S. 202 ff.